Afrika Ghana meine Geschichte

Ghana – was hat mich nur hier her verschlagen?

Genau diese Frage haben sich mittlerweile schon viele meiner Freunde und Verwandte gestellt. Genau diese Frage stelle ich mir von Zeit zu Zeit auch selbst immer wieder. Ghana ein Paradies für Schwule? Mit Sicherheit nicht. Ghana ein Paradies für Urlauber? Nicht unbedingt. Ghana ein Paradies für Backpacker? Eventuell. Ghana ein Paradies für Abenteurer? Auf jeden Fall!!!

Ghana ist nicht unbedingt für seinen Tourismus bekannt. Dies hat eventuell auch seine Gründe. An vielen Ecken und Enden hakt es. Viele Dinge funktionieren nicht so wie sie sollten oder besser wie es der typische Tourist erwarten würde. Oft ist man dann auch frustriert darüber. Auf vielen Webseiten und Reiseführern habe ich gelesen, dafür gäbe es hier in Ghana eine Redewendung:

Ihr im Westen, ihr habt die Uhr. Doch wir in Ghana, wir haben die Zeit.

Auch wenn ich das persönlich noch nie zu hören bekam: Dieser Spruch trifft es tatsächlich sehr gut. Er spiegelt die Gelassenheit vieler Ghanaer wieder. Bei uns stöhnt doch jeder schon wenn ein Bus 15 Minuten zu spät kommt. Im Gegensatz dazu gibt es hier in Ghana meist noch nicht einmal einen Fahrplan. Bei uns im Westen muss alles nach Plan laufen. Ja und zugegebenermaßen ist es auch wirklich toll wenn alles so reibungslos klappt. Das habe ich während meines Aufenthaltes hier in Ghana wirklich zu schätzen gelernt. ABER dafür muss ein jeder von uns auch als kleines Zahnrad einer riesigen Maschine funktionieren. Nur was, wenn man dafür nicht geschaffen ist. Wenn man unter den typischen Ermüdungserscheinungen leidet. Ich zum Beispiel leide seid über 16 Jahren an einem Tinnitus in meinem rechten Ohr. Seit Ende letzten Jahres hat es nun auch im linken Ohr unregelmäßig angefangen tief zu brummen. Hinzu kam Ende letzten Jahres ein Stechen im Magen, welches von einem Magengeschwür herrühren könnte. Sicher bin ich mir da natürlich nicht. Was ich aber mit Sicherheit sagen kann, HEUTE ist beides verschwunden. Kein Tinnitus im Ohr und kein Stechen im Magen mehr. Alles weg. Wie weggeblasen. Das liegt sicherlich an deiner Auszeit, wirst du nun vielleicht sagen. Ja mit Sicherheit ist das auch ein Grund. Aber es kommt noch etwas hinzu. Man lernt hier in Ghana gelassener auf Umstände zu reagieren. Gelassener wenn mal wieder nichts geht. Ja du wirst hier regelrecht dazu gezwungen. Was anderes bleibt dir auch gar nicht übrig. Wenn der Strom mal wieder ausfällt. Wenn der Bus mal wieder eine oder zwei Stunden später losfährt als erhofft. Wenn mal wieder nur ein Gericht auf der ganzen Speisekarte verfügbar ist. Auch ein Ghanaer regt sich über diese Umstände auf. Aber er nimmt es am Ende gelassener hin. Er stresst sich damit nicht selbst. Er regt sich kurz darüber auf und vergisst es. Warum soll er sich auch über etwas aufregen, dass er doch nicht ändern kann.

Am Ende eines jeden Lebens zählt nur ob es ein glückliches war. Also sei glücklich!

Wie alles begann

Meine körperlichen Probleme waren der Grund warum ich eine Auszeit wollte. Aber sie erklären nicht warum ich ausgerechnet in Ghana gelandet bin. Hierfür muss ich noch etwas weiter ausholen. Es war der 03.10.2009. Der Nationalfeiertag in Deutschland. Alles hat damals in einem Freizeitbad begonnen. In Südwestdeutschland im Bundesland Baden-Württemberg in Weinheim nähe Heidelberg. Genauer gesagt im Miramar. Samstags sind dort oft viele Schwule anzutreffen. So damals auch ich. Dort am besagten Abend habe ich meinen letzten Exfreund kennengelernt. Ganz locker hatte er mich angesprochen. Ursprünglich aus der Karibik stammend, lebte er schon seit vielen Jahren in Deutschland. So sind sie die Kariben. Immer einen lockeren Spruch auf den Lippen. Insgesamt bin ich vier mal in seine Heimat gereist. Langsam hatte ich mich auch an den Gedanken gewöhnt eventuell mal später im warmen Ausland zu leben. Oder zumindest öfter dort meine Zeit zu verbringen. Vier Jahre sind wir dann zusammen geblieben. Danach ging die Beziehung dann leider Anfang 2013 in die Brüche. Das Gefühl blieb und mit ihm die Sehnsucht nach einem Leben in einem exotischen Land.

Wie ich auf die Idee kam nach Ghana zu reisen?

Fernweh wird es auch genannt. Mit diesem Gefühl im Bauch hatte ich mich gefragt wohin ich wohl reisen könnte. Klar war für mich außerdem, ich wollte den Kulturschock. In Asien war ich schon mehrfach. Europa bezeichne ich nicht als Ausland. Nordamerika interessiert mich nicht und ist auch kulturell zu nahe an der europäischen Kultur. Die Karibik wollte ich aufgrund meiner Vergangenheit erst einmal ruhen lassen. Australien ist mir zu weit weg. Russland ist mir zu kalt und politisch ein NoGo. Blieben eigentlich nur noch Südamerika oder Afrika. Landschaftlich haben beide Kontinente viel zu bieten. Als Schwuler war mir natürlich auch meine Situation im Land wichtig. Darüberhinaus waren mir auch die Menschen im Land wichtig und ob sie mich überhaupt interessierten. Ich wollte also wissen, wer wohnt denn dort in Afrika oder in Südamerika? Wie sind die Leute dort so? Akzeptieren sie mich? Deshalb habe ich dann versucht Kontakt mit Einheimischen aufzunehmen. Dies gestaltete sich im ersten Moment gar nicht so einfach. Ich weiß nicht mehr wann, aber irgendwer hat mir dann online gezeigt wie man die GPS-Position des Handys fälscht. Somit konnte ich mich quasi weltweit überall hinbeamen und per Grindr (eine schwule Datingapp) mit den Männern Vorort chatten. Dazu hatte ich mir per maps.google.de zuvor verschiedene große Städte in Afrika und Südamerika herausgepickt. Anschließend habe ich meine GPS Position entsprechend dorthin verlagert. Danach habe ich die Grindr App geöffnet und geschaut wer alles online ist. Hängengeblieben bin ich irgendwann in Sao Paulo in Brasilien und in Accra in Ghana. Brasilien hat schwulenfreundliche Gesetze. Aber ich las von Gruppen Jugendlicher Männer die Jagd auf Schwule machen und umbringen. Dazu passte, dass in Brasilien durchschnittlich 15 mal mehr Menschen umgebracht werden als in Ghana. Ghana hingegen zählt zu den sichersten Reiseländern in ganz Afrika. Die Mordrate in Ghana liegt fast in Augenhöhe mit der Frankreichs. Vergleichsweise niedrig also. Es ist politisch stabil und die Menschen hier wollen einfach nur ihren Frieden. Auch Frauen sollten laut Internet hier ohne Probleme alleine reisen können. Leider gibt es in Ghana jedoch Gesetze gegen homosexuelle Handlungen. Die sexuelle Orientierung alleine reicht für Strafen nicht aus. Nur der Akt an sich kann bestraft werden. Bis zu drei Jahre Gefängnis können es werden. Aber, das muss dir auch erst einmal jemand nachweisen können. Abgesehen davon macht sich darüber in dem sehr touristischen Ägypten auch keiner Gedanken. Ich bin der Überzeugung, viele Schwule reisen nach Ägypten ohne zu wissen, dass dort ebenfalls bis zu 3 Jahre Haft auf homosexuelle Handlungen stehen.

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Zur Wahl stand also Brasilien als schwulenfreundliches aber gefährlicheres Land, oder Ghana als sicheres aber schwulenfeindliches Land. Die Entscheidung fiel mir nicht leicht. Am Ende entschied jemand ganz anderes für mich. Du willst wissen wer? Dann ließ am besten weiter.


Warum ich ausgerechnet in Accra hängen blieb? Mir war aufgefallen, dass vor allem in der Hauptstadt Accra (knapp 3 Millionen Einwohner), im Vergleich zu anderen afrikanischen Ländern, unverhältnismäßig viele Schwule online unterwegs sind. Selbst in Lagos der Riesenmetropole (über 10 Millionen Einwohner) in Nigeria waren weniger Schwule online. Dies war im ersten Moment unverständlich für mich. Nach verschiedenen Überlegungen könnte dies aber auf folgenden Ursachen beruhen:

  1. In Ghana gibt es einfach mehr Schwule
  2. In den anderen Ländern nutzen Schwule eine andere Plattform
  3. Nicht alle die in Ghana auf Grindr online sind, sind auch wirklich schwul
  4. Die anderen Länder sind einfach nicht so stark entwickelt

1. Das erste Argument ist meiner Meinung nach eher unwahrscheinlich. Ich gehe davon aus, dass die Häufigkeit von Homosexualität international recht ähnlich verteilt ist. Genau wie auch die Verteilung des Geschlechts bei Geburt international recht ähnlich ist. Anders sieht es natürlich bei der Verteilung NACH der Geburt aus. So zum Beispiel wenn Schwule in einem Land konsequent verfolgt, getötet und dadurch dezimiert. Es könnte natürlich auch sein, dass sich die geografische Verteilung durch Umzug verändert. Schwule zieht es meist in Gegenden wo sie akzeptiert sind und natürlich wo sie einfacher Gleichgesinnte finden. Die Schlussfolgerung könnte also sein: Eventuell werden Schwule in Accra eher akzeptiert oder weniger verfolgt als in anderen afrikanischen Ländern. 

2. Grindr kommt aus einem englischsprachigen Land. Die angrenzenden Länder Ghanas sprechen allesamt französisch. Eventuell sind in Accra nur deshalb vergleichsweise viele Schwule auf Grindr online, weil in den anderen Ländern eine andere App bevorzugt wird. Eventuell eine aus Frankreich. Davon abgesehen spricht man in Nigeria jedoch ebenfalls englisch und trotzdem sind weniger Schwule auf Grindr zu finden, vor allem im Bezug auf die vielen Einwohner.

3. Man liest auch immer wieder von sogenannten Scammern in Ghana. Scammer sind Menschen die meist online in eine andere Rolle schlüpfen, eine tiefere Beziehung zu jemandem aufbauen, um anschließend Geld von dieser Person einzufordern. Der Scammer selbst weiß, dass es sich nicht um eine reale Beziehung handelt. Er handelt also bewußt. Die Betrogene Person hält es am Ende jedoch für real und bezahlt meist viel Geld. Dies kann bis zum völligen Ruin, sowohl aus finanzieller wie auch aus psychologischer Sicht, führen. Ich habe von anderen hier aus Ghana gehört, dass es mittlerweile sogar von Familien akzeptiert wird, wenn ein Mann damit Geld verdient und NATÜRLICH nur vorgibt schwul zu sein. Die Grenzen sind hier jedoch schwer auszumachen. Viele Fragen dich hier nach Geld, ja. Aber davon wollen dich nicht alle ausnutzen.

4. Auch Argument vier könnte zutreffen. Eventuell ist Ghana wirtschaftlich weiter entwickelt. Folglich wären mehr Menschen online. Immerhin herrscht in Ghana seit 24 Jahren politische Stabilität. Kriege wiederum verhindern oder zerstören Entwicklung. Mit einer höheren Entwicklung geht meist auch eine höhere Bildung einher und somit auch eine höhere Akzeptanz von Schwulen. Auf der anderen Seite ließt man in internationalen Studien allerdings oft, dass die Akzeptanzrate für Schwule in Ghana bei unter 10 % der Bevölkerung liegt. 

Höchstwahrscheinlich aber, wie meistens im Leben, ist es eine Mischung aus allen vier Optionen. Wie anfangs erwähnt zieht es Schwule meist an Orte an denen sie einfach Gleichgesinnte finden können. Da dies in Accra gegeben zu sein schien, entschied ich mich, dort online mit Leuten in Kontakt zu treten.


 

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Wer ist nun schuld daran, dass ich in Ghana gelandet bin?

Über Grindr in Accra habe ich schließlich Perry kennengelernt. Wir hatten viel geschrieben. Irgendwann hatte er mich spontan gefragt ob ich ihn nicht in Ghana besuchen möchte. Im Grunde war es ja genau das was ich wollte. Darüberhinaus wäre es sicherlich einfacher mit jemandem der sich dort auskennt, so meine Überlegung. Doch konnte ich ihm trauen? In Deutschland mache ich mir mittlerweile keine Gedanken mehr wenn ich jemanden treffe. Aber in Afrika? Vielleicht will er nur Geld von mir? Vielleicht würde er schon am Flughafen mit der Polizei auf mich warten um mich hinter Gitter zu bringen und anschließend zu erpressen? Oder viel schlimmer noch, vielleicht werde ich am Ende ermordet. Von all diesen Geschichten hatte ich schon gelesen. Ich war von Zweifeln zerfressen. ABER ich wollte das Abenteuer. Ich wollte auch den Kulturschock. Deshalb versuchte ich mich so gut wie möglich über das Internet über alle Gefahrensituationen zu informieren und mich entsprechend vorzubereiten. Um ihn besser kennenzulernen hatte ich fast ein ganzes Jahr lang mit ihm online gechattet. Nach einem Jahr, mittlerweile war es 2014, habe ich dann entschieden, ich mache es. Als ich ihm von meiner Entscheidung erzählte konnte er es kaum glauben. Allerdings musste er mir zuvor noch etwas gestehen. Er hatte vorgegeben jemand anderes zu sein. Hatte sein Bild gefälscht. So etwas dachte ich mir schon. Immer wenn ich nach mehr Bilder gefragt hatte, kam eine Ausrede. Seine Kamera sei kaputt, hatte er mir dann immer erzählt. Das fand ich seltsam. Zunächst war ich etwas verärgert. Andererseits dachte ich mir dann, wenn er es jetzt nicht ernst meinen würde, warum sollte er mir von seiner Lüge erzählen. Nach reichlicher Überlegung und Gesprächen mit meinen Eltern und Freunden buchte ich den Flug. Was soll ich sagen, heute bin ich das zweite mal in Ghana UND ich lebe noch. Viel mehr noch, es war das bisher größte Abenteuer meines Lebens!

Warum und weshalb werde ich dir in den kommenden Artikeln erzählen.

Dein Ben Diaz – travelcap.de

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